Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (24. Mai 2020, Exaudi)

von Pastorin Anke Diederichs

Exaudi                                                                                                                                 heißt der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Er hat seinen Namen von Psalm 27,7 „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“  

„Ist da jemand, ist da jemand“ heißt es in einem Popsong, der im letzten Jahr in einem Konfirmationsgottesdienst als Einstieg in die Predigt gespielt wurde und diese Sehnsucht, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde, in Worte und in Musik fasst. Die Sehnsucht nach einem, der wie ein liebender Vater, wie eine liebende Mutter oder ein Freund mich sieht, beschützt, mir hilft, die richtigen Wege im Leben zu finden und mich am Ende meines Lebens erwartet.                           

Wie kann diese Sehnsucht in Hoffnung und Zuversicht verwandelt werden?   In dem man zu ihr steht und sie anderen mitteilt, sie mit anderen teilt.              Das ist nicht einfach. Das ist schwer, denn da kommen die Themen „Abschied“ und „Trauer“ ins Spiel.

Nun war er weg. Jesus hatte sich von seinen Jüngern verabschiedet und war in den Himmel aufgefahren. Seine Jünger blieben auf der Erde nicht mit einer Leere zurück, sondern mit einem Versprechen Jesu. Er versprach „den Tröster“ zu schicken, den Heiligen Geist. Statt Leere war da Erwartung auf die Erfüllung eines Versprechens.

Nun war er weg und ich hatte mich nicht verabschieden können.                      Mein Großvater starb überraschend an einem Herzinfarkt, als ich 17 Jahre alt war. Ein Großvater, der mich liebte und mich das spüren ließ. Er war einfach weg und meine Großmutter blieb in unendlicher Trauer zurück. Bei etlichen Besuchen teilte ich ihre Trauer: den täglichen Gang auf den Friedhof und das anschließende Verweilen auf einer Bank. Meine Großmutter wiederholte ganz oft den Gedanken: `Ich wäre so gerne bei ihm im Himmel.´                                                        

 Ihre Sehnsucht erlebte ich so eindrücklich, dass ich anfing, an den Himmel zu glauben und viele Jahre mich mit dem Gedanken tröstete: `Wenn ich mal im Himmel bei Gott bin, dann kriegt der von mir was zu hören. Wie konnte er Opa so unvermittelt zu sich holen und uns keine Zeit zum Abschiednehmen lassen?´ Ich weiß, das klingt naiv. Aber es hat geholfen.                                                                                         

Später, als Theologiestudentin, begegnete ich den Jesus-Geschichten vom Reich Gottes neu. Ich hatte sie in Kindergottesdiensttagen mit Interesse gehört. Nun dachte ich dabei auch immer wieder an diese Situation: Mit Oma auf der Bank auf dem Friedhof und unsere geteilte Sehnsucht nach dem Himmel.                                                                                         

Die Liebe Gottes umfasst alles und alle. Sie ist immer da, öffnet den Blick für die Zukunft (Hoffnung) und schenkt Kraft, neue Wege zu wagen.

Schon beim Propheten Jeremia lesen wir von dieser Hoffnung und Gewissheit: Jer.31,31 „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen Bund schließen…“. Jer. 31,33:“…ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein."                                                      (Predigttext für Exaudi 2020: Jeremia 31,31-34).                                                               

Ein neuer Bund, nicht mehr gegründet auf Gebote und Gesetz sondern auf die Liebe. Eine Verbindung mit einem Gott, der liebt und vergibt, der barmherzig ist und gütig.                                                                                                                        

In diesen Tagen wird das Grab meiner geliebten Großeltern aufgelöst. Aber die Beiden leben in meinem Herzen weiter und ich bin ihnen sehr dankbar für diese Erfahrung.

Nun leben wir schon 11 Wochen mit Corona-Bedingungen.                               Die ganze Welt wurde auf den Kopf gestellt. Immer noch erfahren wir jeden Tag über neue Nöte, die entstanden sind, aber auch über die Chancen, die diese weltweite Krise bietet.                                                                                                                  

 Ich hoffe und bete, dass die Verantwortlichen nicht nur eine brummende Wirtschaft im Blick haben, sondern ein Herz für den Planeten und für die vielen Menschen am Rande, derer wir in den Sonntagsgottesdiensten in der Fürbitte gedenken.                                                                                                                                                „Gott, gib uns die Gelassenheit, Dinge hin zu nehmen, die wir nicht ändern können, den Mut, Dinge zu ändern, die wir ändern können und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (EG 822)

Anke Diederichs, Pastorin in Ritterhude und Scharmbeckstotel.


 

Ein Wort zum Sonntag (17. Mai 2020, Rogate)

von Pastor Martin Rutkies

Was ist „Normal“?

"Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet."

Viele Grüße aus meinem Urlaub. „Normalerweise“ würde ich nun im Urlaub an einem Strand auf einer Griechischen Insel liegen. So bin ich es gewohnt. Nun, Corona sei Dank, muss ich meinen Urlaub auf meinem Balkon machen. Auch schön - mit Blick auf die Hammeweiden. Rehe und Fasanen kann ich sichten, und Habichte kreisen über die Weiden.

Im Fernsehen wird berichtet, dass die Strände in Thailand Menschenleer sind. Delphine tummeln sich nun dort, wo Menschen sich im Meer vergnügt haben. Die Flugzeuge sind geerdet. So auch wir. In Venedig entdeckt man wieder Fische in den Kanälen. Das Wasser ist so klar, dass man Quallen sichten kann. Kreuzfahrtschiffe stören die Ruhe nicht. Aus Los Angeles, New York und Atlanta wird berichtet, dass man wieder den Blauen Himmel sehen kann. Smog frei. Normal ist das ganze nicht.

Es tun sich Schattenseiten auf. Krankenschwestern und Pfleger, seit langem schon unterbezahlt leisten nun die rettende Arbeit. In vielen Ländern haben Menschen keinen Zugang zu einem Gesundheitssystem. Die Krise trifft die Schwächsten, Alte, Menschen mit Vorerkrankungen und die Armen. Hier in Deutschland stehen wir mit unserem Gesundheitssystem noch ganz gut da. Aber es offenbaren sich im schulischen Bereich drastische Probleme. In vielen Schulen funktionieren die Sanitäreinrichtungen nicht und für den digitalen Unterricht fehlt es an allen Ecken und Enden.

Und dann gibt eEs gibt den Ruf: „Zurück zur Normalität“! Es geht um die Wirtschaft, Arbeitsplätze und um unseren Wohlstand. Menschliche Existenzen sind bedroht. Die Sorge um die Gesundheit steht der Sorge um die wirtschaftliche Existenz gegenüber.

Aber was heißt hier „Normal“? Klar ist, dass der Weg zurück ins bekannte „Normal“, auf die eine oder andere Weise versperrt ist und auch bleiben wird. Er wird auch dann versperrt bleiben, wenn es einen Impfstoff geben sollte. Hände waschen, Abstand halten, Hygiene Vorschriften, und auch die Masken werden mal-mehr-mal-weniger zur Normalität gehören. Das ist auf den ersten Blick schon Mal das „Neue Normal“. Ganz anders als wir es gewohnt sind. Wir werden uns daran gewöhnen.

Es geht aber um eine viel tiefere Frage. Wollen wir zurück in den Smog, zurück ins Flugzeug, aufs Kreuzfahrtschiff? Das Flugzeug und das Kreuzfahrtschiff sind für mich die Chiffren für eine Spaßgesellschaft, die auf Kosten der Natur, die Welt besichtigt hat, nach der Devise: „Man lebt nur einmal, man muss die Welt gesehen haben.“ Die CO2 Bilanz ist verheerend. Sie sind auch zu Gesundheitsfallen geworden. Oder wollen wir unsere Kinder zurück in delapidierte Schulen schicken. Alles Zeichen dafür, dass sich etwas ändern muss; ein „Neues Normal“ gefunden und entdeckt werden muss.

Wie das „Neue Normal“ aussehen wird, vermag ich jetzt so noch nicht zu sagen; es wird sich erst mit der Zeit herausbilden. Ein Gebet aber gehört dazu. Zum Gebet gehört die Bitte zur Veränderung, dass es besser wird als vorher. Ein Gebet wendet sich an den, der mehr sieht als wir. Es wendet sich an den, der das Versprechen auf eine Faire, eine Gerechte, menschlichere und liebende Gesellschaft immer noch in den Händen hält.


 

Wort zum Sonntag

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! (Psalm 98,1)

Ein kleiner idyllischer Ort in Nordschweden. Hier kennt jeder jeden. Nach einem schweren Herzinfarkt kehrt der Stardirigent Daniel Dareus in seinen Heimatort zurück und übernimmt zunächst unwillig den bunt zusammengewürfelten Kirchenchor der kleinen Gemeinde. Mehr und mehr zeigt sich wie durch seine besondere Art der Proben tief Verborgenes an die Oberfläche dringt. Lange schwelende Konflikte brechen auf, die ganze Bandbreite menschlicher Sorgen und Nöte tritt zu Tage. Doch zunehmend findet der Dirigent mit Hilfe der Musik einen Weg in die Herzen der Menschen. Sie spüren, dass gerade im Singen eine unbändige Kraft der Veränderung liegt; auch die Kraft, aus dem bisherigen Leben auszubrechen; heilende Kraft für Leib und Seele. So erfüllt sich schließlich sein Lebenstraum und am Ende stimmen alle in den einen gemeinsamen Ton ein. Und es ist „Wie im Himmel“!

So lautet dann auch der Titel dieses wunderbaren Films von Kay Pollak aus dem Jahr 2005. Und gerade Chorsängerinnen und Sänger kennen dies aus eigener Erfahrung: Singen befreit und macht Mut. Singen schafft Verbundenheit über Grenzen hinweg und öffnet neue Perspektiven. Singen lässt die Seele tanzen inmitten der Härten unserer Welt.

Da ist es für manch einen, neben vielem Andren, ein großer Kummer, dass seit nunmehr 8 Wochen keinerlei Chorproben mehr stattfinden dürfen. Es fehlt die vertraute Gemeinschaft. Es fehlen die unbeschwerten Höhen und Tiefen. Es fehlt der befreiende, tröstende Gesang, der manchen Kummer des Alltags in den Hintergrund treten lässt.

Doch vielerorts sind Menschen kreativ geworden, treffen sich mit entsprechendem Sicherheitsabstand in den Nachbarschaften, stimmen gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ an. Und gerade auch das aus vollem Herzen gesungene „Christ ist erstanden“ am Ostersonntag hat mich tief berührt.

Inzwischen gibt es in der Corona-Pandemie erste Lockerungen und auch Gottesdienst dürfen unter vielfältigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen wieder gefeiert werden – das ist eine gute, ermutigende Nachricht. Doch der Wermutstropfen wurde umgehend mitgeliefert: „Auf gemeinsamen Gesang ist zu verzichten!“ Wegen der Aerosole besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko. Und wie sollte es auch gehen: Kräftiger, fröhlicher Gemeindegesang unter dem dringend empfohlenen Mund-Nase-Schutz, wo doch bereits beim Sprechen die Brille beschlägt?!

Wie kann also unser Gesang unter diesen Umständen aussehen – gerade an diesem Sonntag ‚Kantate‘, der uns ja bereits mit seinem Namen zum Singen in der österlichen Freudenzeit auffordert?!

Vielleicht sind da unsere Gottesdienste in dieser Zeit Gottesdienste der singenden Herzen. Ein inwendiges Singen mit leisem Summen hinter der Maske. Ein hörendes Singen beim Klang der Orgel. Ein achtsames Wahrnehmen und Spüren, welche Saiten Worte und Töne in mir zum Klingen bringen:

„Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar!

Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar.

Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit,

sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.“

Übrigens – es darf laut und kräftig gesungen werden: zu Hause, im Garten, bei Spaziergängen in der neu erwachten Natur, beim Radfahren, im Auto…

Und gewiss werden sich unsere Stimmen auch wieder im Gottesdienst vereinen und es wird klingen – wie im Himmel. Bleiben Sie gut behütet!

 

Pastorin Christa Siemers

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